TV 1907 Gelnhaar e.V.

 

 

 

 Der TV1907 Gelnhaar e.V. im Wandel der Zeit

 

Am 18. August 1907 finden sich 21 Gelnhaarer Männer in der Gastwirtschaft Ritzel (später Faust) ein, um die Ideen des preußischen Gymnasiallehrers Friedrich Ludwig Jahn zu verwirklichen. Ernst Burlein, Jakob Finger, Karl Herchenröder, Heinrich Heun, Heinrich Hör, Heinrich Kimmel, Hermann Kröll, Johannes Konrad Kromm II., Jakob Löffler, Heinrich Misar II., Josef Opfermann, Georg Ritzel, Heinrich Schäb, Lehrer Schwab, Andreas Stahl, Heinrich Stahl, Wilhelm Stahl, Jakob Vogel, Johannes Vogel II., Peter Walde und Heinrich Weber gründen den "Turnverein zu Gelnhaar”. Um die Beschlussfähigkeit (Anwesenheit von 2/3 aller Mitglieder) bei den Generalversammlungen sicherzustellen, wird im § 12 der Gründungsstatuten die Teilnahmepflicht aller Mitglieder festgelegt. Bei unentschuldigtem Fernbleiben ist ein halber Monatsbeitrag Strafgeld zu zahlen. Die Gründer wählen Georg Ritzel zum 1. Vorsitzenden, Andreas Stahl zum 2. Vorsitzenden, Johann K. Kromm II zum Rechner, Johannes Vogel II. zum Schriftführer und Josef 0pfermann zum Turnwart. Der Gründergeist und der Mut dieser Männer werden dadurch dokumentiert, dass einige Mitglieder persönlich für ein Darlehen in Höhe von 200,- Goldmark (GM) vom "Vorschuß- und Kreditverein Ortenberg" bürgen, das der neugegründete Verein zur Finanzierung der ersten Turngeräte aufnehmen muss. 1908 hat der Verein schon 45 Mitglieder, die mehr als fünf Stundenlöhne für den Vereinseintritt und monatlich mehr als einen Stundenlohn Beitrag zahlen (Eintrittsgeld 1,- Goldmark Jahresbeitrag für Aktive 2,40 Goldmark und für Passive 1,20 Goldmark). Die erste vollständige Jahresrechnung von 1908 weist bei Einnahmen von 137,- GM und Ausgaben von 73,- GM einen Oberschuß von 64,- GM aus. Ein Vorstandsbeschluss aus dem Jahre 1911 über die Anschaffung eines Fußballs lässt vermuten, dass bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg und danach - wie von alten Mitgliedern berichtet wird - bis in die Mitte der zwanziger Jahre im Verein aktiv Fußball gespielt wird. Der Erste Weltkrieg bringt den ersten großen Einschnitt in der damals noch kurzen Vereinsgeschichte. Viele Mitglieder werden zum Kriegsdienst einberufen, das aktive Vereinsleben lässt nach und kommt 1916 ganz zum Erliegen.

 

Erst nach dem Kriegsende berichten Protokolle wieder von aktiver Vereinsarbeit. 1. Vors. ist jetzt Johannes Vogel II. 1921 wird nach Differenzen mit der Witwe Ritzel das Vereinslokal für ca. ein Jahr in die Gastwirtschaft Beck verlegt.

Das Bild wurde um 1920/21 im Garten der Familie Beck (heute Mayer) aufgenommen. Es zeigt eine Turngruppe mit Turnlehrer Opfermann aus Wiesbaden.

 

Der Verein zählt zu dieser Zeit 66 Mitglieder (31 Aktive; 35 Passive), es wird rege geturnt und Fußball gespielt und sogar musiziert. Vereinseigene Instrumente werden angeschafft und für einige Jahre ein Musikzug unterhalten, Grosses Vertrauen und viele Hoffnungen werden in den 1924 gewählten neuen Vorstand (1. Vors. Heinrich. Misar, 2. Vors. Hermann Wälde) gesetzt. Die Mitglieder werden nicht enttäuscht, der Verein floriert und stellt sogar wieder Turner für die Gauriege. Als Zeichen des neuen Selbstbewusstseins wird 1927 für 580,- Reichsmark das Vereinsbanner gekauft und am 22. Mai 1927 durch Oberhofprediger Erhardt geweiht. Gleichzeitig wird bei einem Sportfest auf dem Turnplatz (Gelände beim heutigen Transformatorenhaus) der Bevölkerung der sportliche Leistungsstand des Vereins vorgeführt. 1928 wird eine Schützenabteilung gegründet, die später über einen Schießstand verfügt und kleine Schützenfeste veranstaltet. Mitte der dreißiger Jahre wird der Schießsport in Gelnhaar dann von einem eigenständigen Schützenverein weiter betrieben. 1932 nimmt die neue Handballabteilung des Turnvereins ihren Spielbetrieb auf dem Handballplatz (am Rauhen Berg) auf. Dieser Sport wird im Verein lediglich durch den 2. Weltkrieg unterbrochen - bis Anfang der fünfziger Jahre ausgeübt, bis er dann der Konkurrenz des neuen Massensports Fußball unterliegt.

 

Die nach der Machtübernahme des Hitlerregimes am 30. Januar 1935 eintretenden Umwälzungen im politischen Leben wirken leider auch in die Sportvereine hinein. Im Zuge der "politischen Gleichschaltung" werden am 13. September 1933 auf Anweisung des Kinzigturnngaues im "Reichsbund für Leibesübungen der 1. und 2. Vors. des Vereins (Heinrich Misar II. und Herrnann Wälde) von ihren Ämtern abgesetzt und Heinrich Schmidt als 1. Vereinsführer und Rudolf Henrich als "2. Vereinsführer eingesetzt. In der Generalversammlung 1934 wird Heinrich Gummy zum 1. Vereinsführer gewählt. Die sportliche Aktivität im Verein wird um so geringer, je näher der Zweite Weltkrieg rückt. Ein Jahr nach Kriegsausbruch kommt das Vereinsleben völlig zum Stillstand. In der letzten Generalversammlung am 27. April 1940 werden für das Rechnungsjahr 1939 nur noch Einnahmen von 65,- Reichsmark (RM), Ausgaben von 73,- RM sowie ein Kassenbestand von 68,- RM protokolliert.

 

Der Aufbauwillen der Bevölkerung und das wachsende Bedürfnis nach sportlicher und kultureller Betätigung bringen das Vereinsleben nach dem Krieg allmählich wieder in Gang. Am 27. Januar 1947 finden sich schließlich 30 Mitglieder zur ersten Generalversammlung des Vereins nach dem II. Weltkrieg ein. Sie wählen Heinrich Misar II. und Hermann Wälde wieder zu ihren Vorsitzenden und bekunden damit ihre Absicht, an die erfolgreichen Zeiten vor 1933 anknüpfen zu wollen. Zum Rechner wird Ludwig Weber gewählt, der dieses Amt bis zu seinem Ausscheiden aus dem Vorstand im Jahr 1980 behält. Die praktischen Bedingungen sind jedoch denkbar schlecht: die Turngeräte sind in verschiedenen Räumen gelagert, verrottet und teilweise zerstört. In den ersten Jahren ist kein Turnraum vorhanden (der frühere Raum - Saal Faust - diente während des Krieges als Lager und nach dem Krieg vorübergehend als Kindergarten). Trotzdem wird unter bescheidenen Verhältnissen Leichtathletik betrieben und Handball gespielt. Für das Jahr 1949 weist das Protokoll immerhin schon einen Kassenbestand von 742,- Deutschen Mark aus. Die gute wirtschaftliche Grundlage des Vereins führt in den fünfziger Jahren allerdings nicht zu sportlicher Blüte. Nach wie vor wird unter primitiven Verhältnissen (zeitweise in der Scheune und auf dem Stallboden von Otto Emrich) vornehmlich Kinder- und Jugendturnen betrieben, der Handballsport wird endgültig eingestellt. Auch die Vereinsführung wechselt mehrfach: 1955 werden Heinrich Gummy zum 1. Vors. und Max Flemming zum 2. Vors. gewählt, 1957 folgt Wilhelm Henrich im Amt des 1. Vorsitzenden. Bezeichnend für die geringe Aktivität in dieser Zeit ist der bescheidene Rahmen, in dem am 11. August 1957 das Turnfest aus Anlass des 50jährigen Bestehens des Vereins durchgeführt wird.

 

Neuen Schwung und größere sportliche Aktivität bringt die 1960 gegründete Tischtennis-Abteilung. Zum ersten Abteilungsleiter wird Reinhold Henrich gewählt. Mitgliederspenden helfen bei der Finanzierung der ersten beiden Tischtennisplatten, beim Gasthaus Beck wird in Eigenhilfe ein ehemaliger Werkstattraum zum Tischtennisraum umgebaut. Ab 1961 wird mit einer Seniorenmannschaft an der Verbandsrunde teilgenommen, ein Jahr später folgen eine zweite Senioren- und eine Jugendmannschaft. Im gleichen Jahr kommt mit der Wahl des bis 1986 amtierenden 1. Vors. Ludwig Misar - der bereits 1959 2. Vorsitzender geworden war - auch neuer Schwung in den Vorstand. Der Verein hat zu dieser Zeit 52 Mitglieder und einen Kassenbestand von 410,- DM. Unter der Leitung von Willi Misar wird eine Jugend- und Musikgruppe aufgebaut, die im Sommer Ferienzeltlager organisiert und Wanderfahrten bis nach Luxemburg unternimmt. Diese Aktivitäten bringen dem Verein einen Zulauf von Schülern und Jugendlichen sowie steigende Mitgliederzahlen. In dieser Zeit wird auch jährlich ein Frühjahrswaldlauf unter starker Beteiligung auswärtiger Vereine am Frankenschlag bzw. am Kirchwaldshang durchgeführt. Im Rahmen der erfolgreichen Nachwuchsarbeit organisiert der Verein am Fastnachtdienstag 1966 erstmals einen Kindermaskenball mit einem Umzug durch das Dorf aus dem sich seit 1967 der jährliche Fastnachtszug, der inzwischen weit über die Grenzen Gelnhaars hinaus bekannt ist, entwickelt hat. Die Ausweitung des Sportbetriebes und die hohen Kosten der häufigen Veranstaltungen bringen für den Verein allerdings auch ein größeres wirtschaftliches Risiko mit sich. 1969 wird der Verein deshalb beim Amtsgericht Büdingen in das Vereinsregister eingetragen, um durch die Zuerkennung der Gemeinnützigkeit einerseits steuerliche Vergünstigungen zu erhalten und andererseits durch die beschränkte Haftung als e.V. das wirtschaftliche Risiko für die Mitglieder zu begrenzen. Nachdem Ende der sechziger Jahre auf dem Frankenschlag ein Grundstück erworben worden war, wird 1970/71 das Turnerheim dort errichtet und später ausgebaut. Die Anlage dient heute als Treffpunkt für alle Mitglieder und Freunde des Vereins sowie als Ort der Begegnung, der Geselligkeit und der sportlichen Freizeitgestaltung für jung und alt. Wesentliche Verbesserungen der Trainingsbedingungen bringt die Einweihung der gemeindeeigenen Mehrzweckhalle am Sportplatz im November 1971. Der TT-Spielbetrieb nimmt zu, die Beteiligung am Kinderturnen wächst und später wird, für einige Zeit Frauengymnastik unter Anleitung einer Sportlehrerin betrieben. Die Gründung der Abteilung Luftgewehrschließen im Jahr 1974 belebt wieder die frühere Schützentradition in Gelnhaar. 1976 wird eine Wanderabteilung gegründet, die einige Jahre lang mit großem Erfolg Volkswanderungen im Rahmen der "Europäischen Volks- Sportgemeinschaft" veranstaltet.

 

Das 75-jährige Jubiläum ist ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte. Es wird im Rahmen einer Festwoche - die zusammen mit den beiden anderen Jubiläumsvereinen MGV "Concordia” und SC "Rot-Weiß" gestaltet wird - vom 28. Mai bis 6. Juni 1982 gefeiert. Das umfangreiche Programm bietet einen Querschnitt der sportlichen und kulturellen Aktivitäten des Vereins. Bei den Vorstandswahlen 1986 findet ein Generationswechsel statt: Neben anderen Vorstandsmitgliedern wird auch Ludwig Misar nach über 25-jähriger Tätigkeit in der Vereinsführung vom neugewählten 1. Vors. Edgar Eiser - bisher TT-Abteilungsleiter - verabschiedet. Die anschließende Ernennung Ludwig Misars zum Ehrenvorsitzenden dokumentiert sein erfolgreiches Wirken zum Wohle des Vereins.

 

In den Neunzigern steht neben den Bemühungen um die Erhaltung des Turnerheimes die weitere Intensivierung des Sportbetriebes im Mittelpunkt des Vereinsinteresses. Zu dieser Zeit umfasst die TT-Abteilung ca. 45 Aktive in 6 Senioren- (5 Herren-, 1 Damen-) und 4 Nachwuchsmannschaften. In der Schützenabteilung sind auf der Schießbahn im Saal Mayer ca. 15 Mitglieder in zwei Senioren- und einer Jugendmannschaft aktiv. Seit Anfang 1987 wird nach zweijähriger Unterbrechung unter der Leitung einer Fachkraft wieder Frauen-Gymnastik betrieben. Die Übungsleiterin soll auch dem Kinderturnen wieder neue Impulse geben.

Hartmut Grimm